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War es
Mord?
08

Eine besondere Grabstätte

Vor etwa 5000 Jahren bewohnten Menschen der sogenannten Salzmünder Kultur den Süden des heutigen Sachsen-Anhalt. Oberhalb der Saale entdeckten Forscher der Universität Halle die Reste einer riesigen jungsteinzeitlichen Befestigungsanlage. In seiner unmittelbaren Umgebung stießen sie auf weitere Zeugnisse der Salzmünder Kultur: Bereits vor dem Bau der befestigten Anlage hatten hier Menschen gelebt und Siedlungen errichtet – und sie hatten hier auch ihre Toten begraben.

Über den komplexen Totenkult der Salzmünder Kultur ist noch wenig bekannt. Zumeist wurden die Toten einzeln bestattet und die Gräber mit Tonscherben bedeckt. Doch neben zahlreichen solcher Einzelbestattungen fanden die Archäologen eine ungewöhnliche Grabstätte: Die sterblichen Überreste von neun Menschen lagen in einem gemeinsamen Grab – eine Kollektivbestattung, die mit über 10.000 Keramikbruchstücken abgedeckt war. Vier Erwachsene, allesamt Frauen, umarmen je ein Kind, eine der Frauen war schwanger. Warum waren sie vor über 5000 Jahren gemeinsam begraben worden?

Katastrophe oder Ritual?

Verschiedenste Szenarien sind denkbar, viele Fragen offen: Handelt es sich hier um die rituelle Opferung einer Kleinfamilie? Oder war es ein Hausbrand, bei dem sich die vier Mütter zum Schutz vor dem beißenden Qualm über die Kinder beugten – immerhin weisen Schädel, Wirbelsäule und Gelenke der Erwachsenen starke Brandeinwirkungen am Knochen auf? Sind es überhaupt Mütter mit ihren Kindern? Oder sind die Kinder mit den Erwachsenen gar nicht verwandt? Handelt es sich um eine Randgruppe der damaligen Gesellschaft oder waren es Menschen aus einer besonderen sozialen Schicht, die vielleicht einem ungewöhnlichen Beruf nachgingen?

Susanne Friederich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle (Saale) und ihre Kollegen wollen den Fall aufklären. Am Landesmuseum für Vorgeschichte erforscht das Team unter der Leitung von Professor Dr. Harald Meller, dem Direktor des Landesamts für Denkmalpflege, und Professor Dr. Kurt W. Alt vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz den Totenkult der Salzmünder Kultur. Neben Archäologen sind auch Anthropologen und Ethnologen an diesem Projekt beteiligt, das die VolkswagenStiftung in ihrer Initiative „Forschung in Museen“ fördert.

Archäologische Detektivarbeit mit kriminalistischen Methoden

Die Forscher nutzen modernste naturwissenschaftliche Methoden. So wollen sie die Verwandtschaftsbeziehungen der Frauen und Kinder mit Hilfe der aDNA-Analyse klären. Mit diesem Verfahren können Reste von Erbgutmolekülen toter Organismen (aDNA) untersucht werden, die beispielsweise in Zahnproben erhalten sind. Aus Isotopen-Analysen erhoffen sich die Forscher Erkenntnisse über den Ernährungszustand der Menschen und über die damals herrschenden Umweltbedingungen. Und auch biogeochemische Untersuchungen sind geplant. Mit ihrer Hilfe lassen sich beispielsweise Brandspuren in Bodenproben nachweisen. Ebenfalls in die Ermittlungen einbezogen werden unter anderem 25 Individuen aus zeitgleichen Gräbern sowie 45 Schädel aus den Umfassungsgräben des Erdwerkes. Um den hochkomplexen Totenkult der damaligen Zeit zu enträtseln, werden die Ergebnisse zudem mit forensischen Methoden kombiniert, um die genauen Todesumstände zu klären. Aus der archäologischen Interpretation aller gesammelten Informationen erhoffen sich die Forscher Hinweise, aus denen sie Rückschlüsse auf die genaue Todesursache der Neunergruppe sowie deren familiengeschichtliche Zusammensetzung ziehen können.

Buch und Ausstellung

Nach Abschluss des Forschungsprojekts werden die Ergebnisse in einer interaktiven Ausstellung präsentiert, die es jedem Besucher erlaubt, die archäologisch-kriminalistische Arbeitsweise mit ihren Lösungswegen selbst nachzuvollziehen. Die Ausstellung wird im November 2013 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) eröffnet. Für den Videoblog sciencemovies haben die Wissenschaftler bereits jetzt ihre Arbeit über mehrere Monate mit der Kamera begleitet und geben spannende Einblicke in diesen jungsteinzeitlichen Kriminalfall.

Alle Episoden zu diesem Projekt


28.02.2011

Intro

In Sachsen-Anhalt finden Archäologen eine rätselhafte Mehrfachbestattung mit neun Toten. Was ist hier vor über 5000 Jahren passiert?
08.0
10.03.2011

Neun Leichen, viele Fragen

Vor 5000 Jahren starben in Salzmünde neun Menschen – unter rätselhaften Umständen. Verbrannten sie bei lebendigem Leib? Oder wurden sie erschlagen? Forscher sind dem Geschichtskrimi auf der Spur.
08.1
28.03.2011

Katastrophe oder Ritual?

Erste Erfolge bei der Spurensuche: Die Forscher können einen Hausbrand als Todesursache ausschließen. Finden sie Hinweise auf einen besonderen Totenkult?
08.2
18.04.2011

Scherbenhaufen mit Geschichte

Ein Puzzlespiel soll den Forschern in Halle weiterhelfen: Sie setzen unzählige Tonscherben zusammen. Enthüllen die so entstehenden Krüge, Amphoren und Becher weitere Details des Kriminalfalls Salzmünde?
08.3
16.05.2011

Archäologische Schatztruhe

Die Toten von Salzmünde gehen auf Reise – sicher in Kisten verwahrt, denn das Landesmuseum Halle will sie ausstellen. Dazu haben die Forscher eine einzigartige Präparationstechnik entwickelt.
08.4
16.06.2011

Frühe Funde

Überraschende Fotobeweise: Die Forscher finden Aufnahmen früherer Grabungen. Schon damals wurden rätselhafte Mehrfachbestattungen entdeckt. Hatte das Erdwerk rituelle Bedeutung für Bestattungen?
08.5
19.07.2011

Auf den Zahn gefühlt

Der Kriminalfall wandert nach Mainz ans Institut für Anthropologie: Was sagen die Knochen und Zähne den Experten über Alter, Herkunft und Verwandtschaftsgrad der Toten? Die Ergebnisse überraschen das ganze Team.
08.6
08.08.2011

Sprechende Knochen

Auch die Knochen der Toten von Salzmünde stellen die Anthropologen vor neue Rätsel: Sie entdecken eine Fraktur im Schädel, verursacht durch stumpfe Gewalt. Gab es doch ein Verbrechen?
08.7
15.11.2011

Zusammenkunft der Experten

Die Archäologen aus Halle und die Anthropologen aus Mainz treffen sich, um gemeinsam über die Forschungsergebnisse zu diskutieren. Können sie gemeinsam das Rätsel der Neunfachbestattung lösen?
08.8

Bildergalerie

Slideshow ansehen

Susanne Friederich

Gummistiefel gehören zu ihrer Arbeitskleidung, wenn Dr. Susanne Friederich Gräber aus der Jungsteinzeit inspiziert. Zumeist ist ihr Arbeitsplatz aber das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle/Saale, wo die Jungsteinzeit-Spezialistin die Funde auswertet – oder sich im Landesmuseum für Vorgeschichte als kundige Museumsführerin betätigt und Besuchern die oft über 5000 Jahre alten Ausstellungsstücke erläutert.
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Die Archäologin Susanne Friederich aus Halle/Saale nimmt eine rätselhafte 9-fach Bestattung aus dem 4. Jhtsd. v. Chr. unter die Lupe.

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